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Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) |
| Dokument/Titel: Studientag "Eine Aufgabe für den Staat...?", 2. Oktober 2003, Wien OKR Michael Bünker: Der Mensch im Mittelpunkt |
Religion hat von jeher mit Wirtschaft
zu tun. Die Einstellung zu Armut, zur Arbeit und zum Beruf, zum Eigentum
und zur Besitzlosigkeit, zu Reichtum
und Askese, zu Almosenwesen, zur Stellung von Frauen in der Gesellschaft,
zu Grund und Boden usw. wurden seit jeher religiös begründet
oder zumindest von religiösen Einstellungen und Traditionen mit
geprägt. Es kann davon ausgegangen werden, dass dies auch heute
so ist. Das war schon ein bemerkenswertes Zusammentreffen: genau zu der Zeit, als die Synode der EKD im vergangenen Herbst 2002 zusammentraf, um eine evangelische Antwort auf die Frage "Was ist der Mensch?" zu formulieren, stürmte der Song "Mensch" von Herbert Grönemeyer die Hitlisten. Nach mehreren Jahren des Rückzuges vom Showgeschäft - bedingt durch eine Reihe von schlimmen Schicksalsschlägen im engsten Kreis, der frühe Tod seiner Frau und seines Bruders - war der Rockbarde zurück und gab seine sehr persönliche Antwort auf die Frage "Was ist der Mensch?" "Der Mensch heißt Mensch, weil er vergißt, weil er
verdrängt, Der Ratsvorsitzende der EKD hat daraufhin an Grönemeyer geschrieben: "Der Mensch im Werden, der Mensch im Sterben, der Mensch in den Anfechtungen des Lebens - das ist der Mensch, der liebt und lebt, wie Sie ihn beschreiben." Glückwünsche für die Tournee wurden Grönemeyer mitgegeben, den Synodalen je eine CD mit dem Lied. Die Fragwürdigkeit des Menschen Das erste, was daraus abzuleiten ist: Der Mensch fragt nach sich selbst,
heute mehr als früher. Er ist sich zur Frage geworden. Das erhebt
sich im individuellen Leben natürlich immer dann, wenn Trennungserfahrungen
oder (also!) die Begegnung mit dem Tod unabweislich nach dem Menschen
fragen, aber auch in Erfahrungen des höchsten Glücks, wie etwa
der Geburt eines Kindes, der Liebe, des ekstatischen Außer-sich-seins
usw.. Aber die Fraglichkeit des Menschen ist nicht nur ein Kennzeichen
privater Lebensläufe und ihrer Deutung, sondern auch eine Signatur
unserer Gesellschaft insgesamt geworden. Dies ist insbesondere durch
den medizinisch-technischen Fortschritt provoziert und konzentriert sich
auf drei Bereiche: Was ist der Mensch? Beziehung oder Eigenschaft? Der Mensch heißt Mensch, nicht weil er sich selbst zur Frage geworden
ist und nun auch selbst eine Antwort geben müsste oder könnte,
sondern weil es der Name ist, den Gott ihm gibt. Im Buch Genesis (1.
Mose 5, 1-2) steht: "Als Mann und Frau schuf er sie, segnete sie
und gab ihnen am Tage, da er sie schuf, den Namen Mensch". D.h.
der Mensch ist von Anfang an zu verstehen als Beziehungswesen. Der beziehungslose,
nur für sich und aus sich selbst angeleitete Mensch, das ist die
Leiche, formuliert deutlich Eberhard Jüngel. Das Sein des Menschen
wird im Blick auf eine Beziehung erfragt: "Was ist der Mensch, dass
du seiner gedenkest? Des Menschen Sohn, daß du Sorge tragest um
ihn?" (Psalm 8,5). Folgerichtig meinte Martin Luther, vom Menschen
sei nur zu reden in praedicamento relationis, nicht in praedicamento
substantiae. Wenn nun Mensch Mensch ist, weil Gott ihn und sie anredet und ihn und sie mit diesem Namen nennt, gehen wir davon aus, dass Gott zu ihm und ihr in Beziehung tritt. Entsprechend dem christlichen Gottesbegriff ist auch diese Beziehung nicht einfach, sondern dreifach: In trinitarischer Entfaltung tritt Gott in Beziehung zu Mensch als Schöpfer, als Retter und als Vollender. Christliches Menschenbild Dieses Grundgeflecht der Relationen - vier menschliche, irdische; drei göttliche - lässt sich nun in drei Schritt entfalten: Der Mensch ist Geschöpf Der Mensch ist Sünder / Sünderin Der Mensch ist rechtfertigt Gerade in den sozialethisch umstrittenen Fragen der Zeit versuchen die Kirchen ihre ethischen Prinzipien mit dem Begriff der "Menschenwürde" zu begründen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, und sie gilt universal, uneingeschränkt, bedingungslos - so setzen christliche ethischen Entwürfe fort. Generell lässt sich beobachten, dass die Mehrheit der Ethiker sich zur Unantastbarkeit der Menschenwürde ohne Wenn und Aber bekennt. Ausnahmen sind etwa die Entwürfe von Peter Singer, Norbert Hoerster oder Franz-Josef Wetz. Gleichzeitig ist die Überzeugung verbreitet, dass es für dieses Grundprinzip der ethischen Orientierung in der pluralistischen Gesellschaft nicht nur eine Begründung gibt, sondern eine Mehrzahl miteinander konkurrierender Begründungen oder womöglich auch gar keine Begründung. Menschenwürde wäre dann ausnahmslos unantastbar und zugleich begründungsoffen. Begründungen der Menschenwürde Der grundsätzliche Vorrang des Beziehungsaspektes hat zur Konsequenz, dass der Begriff der Menschenwürde nicht mehr aus irgendwelchen Eigenschaften des Menschen (praedicamento substantiae)abgeleitet wird. Dazu würde zählen: Vernunft, Sprache, Verantwortungsfähigkeit u.a. Die Schwierigkeit einer solchen Argumentation besteht schlicht darin, dass sie zur Begründung der Menschenwürde nicht ausreicht. In der Tat kommt man in große Schwierigkeiten, warum einem Embryo, einem Säugling, einem schwer behinderten Menschen, einem irreversibel komatösen Patienten (noch) Menschenwürde zukommen sollte, wenn diese mit ganz bestimmten Eigenschaften des Menschen begründet wird. Es bleibt also der Weg gewiesen, die Menschenwürde durch eine Sicht von Mensch als Beziehungswesen zu begründen. Immanente oder transzendente Begründung? Hier tut sich also die nächste Schwierigkeit auf: Eine rein immanente Begründung der Menschenwürde ist deshalb ausgeschlossen, weil sie ihre Allgemeinheit und Unantastbarkeit nicht sichern kann. Wie soll es ins Belieben der Mitmenschen gestellt sein, ob und wann von Menschen abstammendem Leben Würde zuzuerkennen ist? Immanent kann - und muss! - die Menschenwürde uneingeschränkt anerkannt und allgemein zur Geltung gebracht werden. Es stimmt, was Ernst Benda, der frühere Präsident des deutschen Bundesverfassungsgerichtshofes einmal feststellte: "Was Menschenwürde wirklich bedeutet, zeigt sich in den Strafanstalten, den Häusern der Psychiatrie, den Asylanten- und Obdachlosenherbergen und in den Pflegeheimen". Aber immanent kann sie nicht begründet werden. Der Weg der transzendenten Begründung scheint naheliegend, wie sie etwa durch die jüdisch-christliche Rede vom Geschaffensein von Mensch zum Ebenbild Gottes gegeben ist. Die EKD argumentiert das in ihrer Studie "Christentum und politische Kultur" so: "Diese für die demokratische Gesellschaft grundlegenden Werte speisen sich aus verschiedenen Traditionen, mit denen auch unterschiedliche Begründungen dieser Werte einher gehen. Werden sie nun vorrangig etwa mit der Vernunftnatur des Menschen begründet, könnte die Anerkennung der Menschenwürde auf die Fähigkeit zu aktiver Vernunftbetätigung begrenzt gelten. Wird die Menschenwürde dagegen begründet im Geschaffensein des Menschen von Gott und in der Anrede des Geschöpfs durch den Schöpfer, so ist darin die Vernunftnatur des Menschen eingeschlossen, die Anerkennung und der Schutz der Würde des Menschen aber umfassender begründet." Das Dilemma der transzendenten Begründung der Menschenwürde Die Begründung der Menschenwürde durch einen Transzendenzbezug,
also Gottesbezug, ist in der heutigen Gesellschaft nicht konsensfähig,
weil weder die zugrundeliegenden theologischen Überzeugungen (Gottebenbildlichkeit,
Rechtfertigung) konsensfähig sind, noch die Grundvoraussetzung des
Ganzen, der Gottesbezug als solcher. Er ist eben nicht mehr begründungsfähig,
sondern seinerseits begründungsbedürftig. Christliches Verständnis des Menschen im gesellschaftlichen Diskurs Die Überzeugung von der Würde des Menschen - jedes Menschen
- und die Einsicht, dass diese Überzeugung ohne ein Verständnis
des Menschen als Mensch Gottes nicht zu gewinnen oder zu erhalten sein
dürfte, kann der Ansatzpunkt dafür werden, dass die Orientierungsleistung
des christlichen Menschenbildes auch in den Konflikten der modernen Gesellschaft
wieder stärker zur Geltung kommt. Hier bringt das christliche Menschenbild eine ganz bestimmte Sichtweise ein: gerade der Gedanke der Ebenbildlichkeit führt uns zur Person Jesu Christi und damit auch zum Kreuz. Maßgebend ist nicht eine allgemeine Idee vom Menschen oder ein Ideal von ihm, maßgebend ist der gekreuzigte, der keine Gestalt hatte, die uns gefallen hätte (Jesaja 53,2). In dieser Linie hat Gabriel Marcel behauptet, Menschenwürde zeige sich "am ehesten im Bereich der Schwäche". Es gehört zu den typischen Kennzeichen christlicher Anthropologie, dass nicht in erster Linie die gesunden, Starken und Erfolgreichen den Maßstab dessen abgeben, was Mensch bedeutet, sondern die Schwachen, Ausgegrenzten und Gescheiterten, die Ohn-Mächtigen (Marianne Gronemeyer) und die De-Mütigen. Auf dieser Basis tritt evangelische Sozialethik dafür ein, dass die Beziehungsvielfaltdes Lebens gewahrt bleibt, ja gefördert wird. Das Zusammenleben der generationen, der geschlechter, von menschen anderer Kultur und Religion zu sichern, ist eine wesentliche Aufgabe des Sozialstaates. Er sichert die Grundversorgung aller möglichst nachhaltig, d.h. auch bei möglichst großer Schonung der natürlichen Ressourcen. Aufgrund des Eigenwertes jedes Menschen, der immer schon die von Gott geliebte, angesprochene und erlöste Person ist, kann sich Mensch zum Subjekt des eigenen Lebens bilden. Damit das möglich ist, braucht es ein von der Politik zu bestimmendes Maß des Ökonomischen, also eine Hausordnung, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. |
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