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Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) |
| Dokument/Titel: Wie lässt sich Gewalt überwinden Von einer Kultur der Gewalt zu einer Kultur der Gewaltfreiheit |
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Zu Beginn der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt, 2001-2010 Impulstag Wien Nov 2001, Referat von Fernando Enns I. Wir leben in einer Kultur der Gewalt Man kann in diesen Wochen nicht über Gewaltüberwindung sprechen, ohne auf die aktuelle weltpolitische Lage einzugehen: Am 11. September 2001 sind wir alle durch die unglaublichen Bilder aus New York und Washington Zeugen brutalster Gewalt geworden. Verbrechen ähnlichen Ausmaßes hat es zwar früher mehrfach gegeben, zumeist aber in solchen Gegenden der Welt, für die CNN als stellvertretendes Nachrichtenmagazin der mächtigsten Industrienation bedeutend weniger Interesse zeigt. Neu ist hier, dass ein symbolisches Machtzentrum der wirtschaftlich globalisierten Welt getroffen wurde und mit einem Schlag die Verwundbarkeit auch eines dominierenden Weltbildes ins Wanken geriet. Die Relevanz unseres Themas hätte nicht deutlicher demonstriert werden können: sowohl die Zerstörungskraft von Gewalt, als auch die Notwendigkeit, dieser Gewalt zu währen, letztlich mit dem Ziel, sie zu überwinden. - Der Schwerpunkt der ökumenischen "Dekade zur Überwindung von Gewalt" liegt auf diesem letzten Aspekt: der Überwindung. Dass wir hier erst in den Anfängen stecken, bewies die lautstarke Stimmungsmache in politischen Schlüsselpositionen sofort nach den Terroranschlägen und manche der daraus resultierenden Handlungen. Wenn angesichts der Toten und trauernden Hinterbliebenen zuerst von der Absicht der "Rache" gesprochen oder gar zu der Notwendigkeit eines "Kreuzzugs" des Guten gegen das Böse aufgerufen wurde, dann spüren wir, wie sehr wir immer noch in einer Kultur der Gewalt gefangen sind, die einer naiven Logik folgt, die sich weigert, Ambivalenzen wahrzunehmen. Als hätte es nun nochmals eines globalen Beweises bedurft, dass sich daran auch zu Beginn des 21.Jhs. nichts geändert hat. Deutlicher als durch einen Krieg gegen ein ganzes Volk - unter Verwendung von Streubomben und Benzinbomben - hätte die Demonstration nicht ausfallen können, dass auch westliche Demokratien dieser Kultur der Gewalt verhaftet bleiben. Die Bevölkerungen der sog. militärischen Allianz gegen den Terror stimmt dem meist schweigend zu, nicht weil wir alle so gewalttätig wären, auch nicht, weil wir meinen ein Krieg sei etwas Positives, zur Legitimation reicht meist die Entrüstung: "etwas muss geschehen! Man kann doch nicht nichts tun." Die angeführten Begründungen werden nahezu kritiklos entgegengenommen: wer möchte schon ein die Würde der Menschen und vor allem der Frau missachtendes Regime verteidigen? Wer möchte sich vor ein Regime stellen, dass Kulturgüter respektlos zerstört? Wer möchte denn nicht mit den Amerikanern solidarisch sein, die sich auch in Europa - vor allem in Deutschland - engagiert und verdient gemacht haben. Wir schlucken die Verletzung internationalen Rechts und auch unserer europäischen Gesetzgebungen, als stünden uns keine gewaltfreien Alternativen zur Konfliktlösung zur Verfügung. Wir können und wollen einen Terrorakt, der so vielen Menschen das Leben gekostet hat, nicht einfach hinnehmen. Also greifen wir - wie alle Menschen das in Stresssituationen tun - auf altbekannte Verhaltensmuster zurück, auch wenn wir noch nicht klar sehen, wie das eigentlich nachhaltig Heilung bringen kann für die trauernden Hinterblieben, für die verwundete Nation USA und vor allem für das geschundene Land Afghanistan, in dem windige Gewaltherrscher schon immer leichtes Spiel hatten, einem unterentwickelten Land, in dem nur 16% der Jungen lesen und schreiben lernen und nur 3% der Mädchen, einem Land, dass seine Handelsbilanz nur durch den illegalen Opiumhandel aufrecht erhält und das seit Jahren von außen mit unsäglich vielen Waffen beliefert wird. Die Irrationalität eines militärischen Eingreifens, das wiederum Menschenleben kostet, immense Summen verschlingt und neuen Hass schüren wird, ist mit Händen zu greifen, jedenfalls wenn man den offiziellen Begründungen für diesen Schritt folgt. Mag sein, dass völlig andere, versteckte Interessen sich dahinter verbergen, doch wenn die Öffentlichkeiten in rechtsstaatlich organisierten Demokratien diese Entscheidungen scheinbar mehrheitlich unterstützen, dann ist damit m.E. die herrschende Kultur der Gewalt - auch in diesen Gesellschaften - von neuem erschreckend belegt. Als die Delegierten 1998 bei der Vollversammlung des ÖRK in Harare für eine "Dekade zur Überwindung von Gewalt" beschlossen, hatten sie freilich noch nicht dieses Szenario vor Augen. Aber die Zustimmung zu einer solchen weltweiten Initiative war sehr groß, weil für viele Menschen diese Kultur der Gewalt einfach die Realität kennzeichnet, in der sie leben. Das sind nicht nur Menschen in Kriegs- oder Nachkriegsgebieten, sondern auch jene, die sich nicht abfinden wollen mit der all zu alltäglichen Gewalt, die spüren, dass Gewalt nicht nur Leben zerstört, sondern auch den Lebenswert zunichte machen kann, Beziehungen kaputt macht, gelingendes Leben verhindert. Das schlägt sich in dem kleinen Katalog nieder, auf den sich der ÖRK in seinem Rahmenkonzept für die Dekade festlegte, um zu verdeutlichen, wie umfassend diese Initiative angelegt ist: Es geht um die ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem breiten Spektrum von direkter wie struktureller Gewalt (Analysen und Wege der Überwindung). 1. Gewalt zwischen Staaten. Das Beispiel Afghanistan belegt, wie wir bereits sahen, welcher Un-Logik die Mehrheit der Staatengemeinschaft hier folgt, obwohl es bereits Ansätze gibt, Konflikte mit politischen und juristischen Instrumenten zu lösen. 2. Gewalt innerhalb von Staaten, auch als Ergebnis von Rassismus und ethnischem Hass. Vor allem Bürgerkriege innerhalb von Staaten und Regionen sind eine enorme Herausforderung zu Beginn des 21.Jhs. Die Suche nach Identität in pluralistischen Gesellschaften, wirtschaftliche Machtinteressen und Diskriminierung lassen Menschen Zuflucht ergreifen in unterschiedlichsten Formen des Fundamentalismus. Zum Teil seit Jahrzehnten dauernde Bürgerkriege lassen jegliche Bemühung um Entwicklung jämmerlich ins Leere laufen: in Burundi, im Sudan, in Indonesien, in Kolumbien, in Tschetschenien, etc. Warum geben Industriestaaten einerseits Milliarden für Entwicklungshilfe aus, erlassen seit neuestem gar einen Teil der Auslandsschulden, und unterlaufen all dies gleichzeitig in großem Maße mit Waffenexporten? Das ist nicht nur moralisch fragwürdig, es ist auch wirtschaftlich überaus kurzsichtig. Das Arbeitsplatzargument ist eine Verschleierung der eigentlichen Inkonsequenz, von dem Elend der wachsenden Flüchtlingsströme einmal ganz abgesehen. Wie hoch soll die Souveränität eines Nationalstaates bewertet werden? Können Menschenrechtsverletzungen tatsächlich "innere Angelegenheiten" eines Staates sein? Auch Kirchen lassen sich zur Legitimation von Gewaltanwendung missbrauchen. In Ruanda sitzen unter den über fünfzig Hauptverantwortlichen für das Massaker immerhin auch zwei Bischöfe als Angeklagte vor dem internationalen Tribunal. 3. Gewalt als Ergebnis wirtschaftlicher und politischer Zwangsmaßnahmen Das Diktat einer globalisierten Wirtschaftsform lässt heute ganze Regionen ihr eigenes Grab schaufeln. Gerade in dieser Frage wird eine allzu simple Verteufelung der Globalisierung aber nicht wirklich weiter helfen. Es zeigt sich allerdings immer deutlicher, dass diese ganze Bevölkerungen ausschließende und marginalisierende Wirtschaftsform in sich ein hohes Gewaltpotential trägt und wiederum Gegengewalt hervorruft, die sich ganz unterschiedlich äußert. Zuletzt war das ja deutlich in Genua zu sehen. 4. Gewalt innerhalb von Rechtssystemen Gewalt verstößt nicht nur gegen geltendes Recht, sondern wird durch dieses auch legitimiert. Dass eine westliche Demokratie, scheinbar stark geprägt durch den christlich-abendländischen Glauben, im 3. Jahrtausend beispielsweise noch die Todesstrafe vollzieht, sei als ein Beispiel genannt. Die neuen Sicherheitspakete, die jetzt allenthalben in großer Eile geschnürt werden, sind höchst ambivalente Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt. 5. Gewalt in lokalen Gemeinschaften In vielen deutschen Städten ist die Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern enorm hoch. Fast täglich finden sich Meldungen über Anschläge auf Asylbewerber - schon lange nicht mehr als Top-News, sondern eher versteckt. Aber auch die Gewalt zwischen verschiedenen ausländischen Gruppen, z.B. zwischen türkischen und russischen Jugendgangs ist an der Tagesordnung und führt zu größter Verunsicherung. 6. Gewalt zuhause und in der Familie, sexuelle Gewalt Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden und Kindesmisshandlungen sind nur die krassen Spitzen dieser Form von Gewalt. Wieviele Gewalttaten kommen niemals ans Licht? Wieviele Frauen und Kinder sind Ziel der Aggression ihrer Ehemänner oder Väter? Opfer von Gewalt werden durch das Verdrängen und Schweigen der Umgebung erneut zu opfern, Schamgefühl und Erpressung zerstören die Würde dann gänzlich. - Die vorausgegangene Dekade des ÖRK "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" hat uns nicht zuletzt dies als weitergehende Aufgabe aufgetragen. 7. Gewalt unter Jugendlichen Ich denke dabei nicht nur an die Kindersoldaten in Sri Lanka oder Mozambique. Es geht um die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen generell. Machen wir uns nichts vor: Jugendliche sind in hohem Maße das Produkt der Eltern-Generation. Ich kann manchen Entrüstungen wenig abgewinnen, die ihr Unverständnis zum Ausdruck bringen über die Gewaltbereitschaft und die niedrige Hemmschwelle der Auslebung von Aggressionen bei Jugendlichen. Wer keine Zukunftsperspektive für sich, für seinen Platz in einer lebenswerten Gesellschaft entdecken kann, der wird sich auch nicht scheuen, mit Gewalt um Hilfe zu schreien. 8. Gewalt in der Kirche Dies mag überraschen! Und doch ist Gewalt eine Realität auch in den Kirchen, subtiler und versteckter vielleicht, aber deswegen nicht minder verletzend und zerstörerisch. Manche Strukturen, manches Verhalten, Normen und Moralcodices, ja unsere Dogmen und Liturgien bergen versteckte Gewaltpotentiale. 9. Gewalt gegen die Schöpfung Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ist Gewalt an der Natur. Völlig neue und z.T. noch ungeahnte Herausforderungen kommen im Bereich der Genforschung und der medizinischen Ethik auf uns zu. Gewaltsame Eingriffe in potentielles menschliches Leben sind in vielen Gesellschaften aber bereits akzeptiert.
Ich fasse zusammen: Wenn Kultur verstanden wird als die Gesamtheit der gestalteten Formen menschlichen Ausdrucks und Sprache, der Ordnungen und Institutionen menschlicher Gemeinschaften, ihrer Handlungsnormen in Sitte und Moral, sowie ihrer Wirklichkeitsinterpretation und -erkenntnis, dann wird deutlich, inwiefern wir in einer Kultur der Gewalt leben, und es wird gleichsam deutlich welch umfassende Unternehmung hier mit einer Dekade zur Überwindung der Gewalt und für eine Kultur des Friedens und der Versöhnung. II. Der ganzheitliche Ansatz der DOV Tausendfach ist belegt, dass Gewalt nicht mit Gewalt überwunden werden kann. Die biblischen Zeugnisse sprechen deutlich von dieser Einsicht. Und doch verharrt bis zum heutigen Tage ein großer Teil der abendländischen, christlich geprägten Welt in dem tiefen Misstrauen gegenüber der Logik, dass das Böse nur mit Gutem überwunden werden kann und setzt weiterhin auf Gewalt. Vermutlich, weil wir Gewalt mit Stärke verwechseln, weil wir Liebe mit Schwäche gleichsetzen und weil wir Gewaltlosigkeit als Nichts-Tun verhöhnen. Darin irren wir gewaltig! In dem berechtigten Eifer, der jetzt im Kampf gegen den Terrorismus an den Tag gelegt wird, gilt es mehr denn je, gerade nicht jene demokratischen, freiheitlichen und gewaltfreien Maxime aufzugeben, für die wir angeblich ins Feld zu ziehen bereit sind. Diese müssen sich gerade in Konfliktsituationen wie diesen bewähren, sonst sind sie nichts wert, sonst können wir für andere kaum glaubwürdig sein. Gewaltzirkel sind Teufelskreise - im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Einsicht gilt auch dann, wenn sie in den ehrenwertesten Absichten ausgeübt wird. Unerheblich ist für die Feststellung außerdem, ob von direkter/personaler, indirekter/struktureller oder gar kultureller Gewalt die Rede ist. In der Realität zeigt sich, dass die Interdependenzen zwischen diesen Gattungen der Gewalt größer sind, als es die theoretische Differenzierung suggeriert. Gänzlich komplex und schier undurchschaubar wird dies, wenn die Abhängigkeiten wiederum anderer Ebenen berücksichtigt werden: die gegenseitige Beeinflussung von persönlicher, kollektiver, nationaler und globaler Ebene. Der eigentliche Motor, der diese Zirkel immer wieder von neuem antreibt, ist die reproduzierte Ungerechtigkeit (sozial, ökonomisch, politisch, das Verhältnis der Geschlechter zueinander, etc.), die auf diese Weise ebenso erhalten, wie stabilisiert wird. Aber es gibt sie, die anderen Stimmen! Inspiriert wurden die Delegierten des ÖRK bei ihrer Entscheidung auch von einer Kampagne mit dem Namen "Peace to the City" ("Friede für die Stadt"), mit dem das bereits Mitte der 90er Jahre initiierte "Programm zur Überwindung von Gewalt" gestartet wurde. Exemplarisch wurden sieben Städte in allen Teilen der Welt ausgesucht, in denen die Überwindung von Gewalt ansatzweise gelingt: Belfast/Nordirland, Boston/USA, Colombo/Sri Lanka, Durban/Südafrika, Kingston/Jamaika, Rio de Janeiro/Brasilien, Suva/Fidji. Der Blick auf diese kreativen und gelungenen Versöhnungsinitiativen provoziert eine erneute Analyse der Gewaltkontexte ebenso, wie ihrer Überwindungsmechanismen. Gewaltvolle Beziehungen sind immer auf die Ausübung von Macht und Abhängigkeit ausgerichtet. Ziel ist die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer. Aus Angst, die eigene Macht zu verlieren, werden andere unterdrückt. Zu diesem Zweck werden Traditionen und Religionen instrumentalisiert, manchmal sind diese aber auch Reproduzenten eines Verhaltensmusters, dass vereinfacht auf dem Grundsatz basiert: "Mir geht es gut, solange es den anderen schlecht geht". Die Angst ist nicht unbegründet, denn das Wissen um die eigene Rücksichtslosigkeit erweckt größtes Misstrauen gegenüber denen, die abhängig gehalten werden sollen. Das führt zur Stilisierung und Pflege eines Feindbildes, durch das die eigenen Vergehen – zum Teil werden sie durchaus als solche erkannt – scheinbar legitimiert werden können? So wird schließlich am Ende sogar ein "Krieg gegen das Böse" gerechtfertigt. Verschiedenheit allein genügt als Argument für Trennung und gegenseitige Isolation. Sicherheit kann dadurch aber nicht erreicht werden, denn wenn der Druck auf andere nachlässt, wird dies als Schwäche ausgenutzt, und es ist mit Gegengewalt zu rechnen. III. Wie lässt sich Gewalt überwinden? Erfahrungen der Gewaltüberwindung In den sieben Städten standen nicht klare Strategien am Anfang der Versuche zur Gewaltüberwindung, sondern vor allem Betroffenheit. Von hier ausgehend war immer klar, dass es um die konkreten Bedürfnisse der Menschen gehen muss und dass sie selbst die Akteure sein müssten. Auf ihren Erfahrungen aufbauend und die eigene Weisheit zugrunde legend begann jeweils die Entwicklung zur Gewaltüberwindung, mit sichtbaren und messbaren Veränderungen. Durch die Vernetzung der Städte untereinander lassen sich gemeinsame und wiederkehrende Muster erkennen. Und zu solchen Vernetzungen möchte die Dekade beitragen. Ich will einige Vorgehensweisen exemplarisch herausgreifen, um allgemeinere Ableitungen zu versuchen. In allen Städten begannen die Projekte mit Einzelnen, die sich mit anderen Einzelnen verbündeten. Bald dient ein Haus als Zentrum (wie z.B. das "Baker-House" in Dorchester/Boston), als offener Raum, der Gastfreundschaft demonstriert und zur Bildung von Gemeinschaft dient. Wenn das spektakulär genug in Szene gesetzt wird, werden die Medien aufmerksam und unterstützen dann sogar Unterfangen, das Rad der Gewalt anzuhalten. Viele Freiwillige sind nötig, werden meist als Teil des Programms ausgebildet und so mit in die Bewegung hineingezogen (z.B. das Programm "Agente de Futuro", in dem über 10.000 freiwillige junge Erwachsene in Rio gegen einen Dienst in der Gemeinschaft nachträglich ihre Schulbildung erhalten; vgl. auch "Agents of Peace" in Belfast, etc.). Verbündete in anderen Organisationen und in staatlichen Stellen werden gesucht, ExpertInnen oder Funktionsträger hinzugezogen. Allmählich etabliert sich ein "Trend" in einer lokalen Gemeinde. Das Umdenken beginnt, früher scheinbar Unmögliches wird denkbar und sogar Mentalitäten ändern sich allmählich. So kann tatsächlich eine Kultur der Gewaltlosigkeit im Kleinen wachsen. Partizipationsmöglichkeiten und Gemeinschaftsbildung scheinen in den Projekten die zentralen Schlüssel zu sein, denn Menschen wollen nicht von sich aus in ständiger Unsicherheit und Bedrohung leben. Aber die Beteiligten bestätigen auch, dass dies langwierige und schwierige Prozesse sind, zerbrechlich und immer wieder von der erneuerten Initiative und dem Durchhaltevermögen Einiger abhängig. Letztlich ist es nur in Gemeinschaft mit anderen zu leisten, in der gegenseitigen Ermutigung, Bestätigung und Arbeitsteilung, d.h. in Gemeinschaften, in denen Einzelne auch schwach werden dürfen, weil andere dann präsent sind. Eine solche Durchbrechung des Gewaltzirkels ist beispielsweise das erklärte Ziel des National Peace Council, der 1995 in Colombo gegründet wurde. Die Initiative brachte Vertreter aus allen Religionen zusammen, ebenso Repräsentanten aus Dutzenden von Organisationen, die sich um das allgemeine Wohl bemühen, bis dahin allerdings ganz unabhängig voneinander. Das Verbindende ist: (a.) Die Lösung kann nicht allein der regierenden Partei überlassen bleiben. (2.) Die Bevölkerung selbst muss der Garant sein für einen dauerhaften Frieden, demokratische Rechte für alle müssen institutionalisiert werden. (3.) Die genuine Friedensarbeit muss unabhängig von allen politischen Kräften sein und die Grundrechte der Unterdrückten sichern. Dabei fängt niemand bei "Null" an. Jede Religion und Kultur trägt in sich auch strukturierende und regelnde Konventionen für ein gelingendes miteinander Leben zur Eindämmung, bzw. Überwindung von Gewalt. Gegenseitige Gastfreundschaft wurde erstmals wieder gepflegt, wodurch die Achtung der Würde der Anderen entwickelt wird. Mit Hilfe von Workshops wird in Colombo und in vielen Dörfern der Krisenregion an verschüttete Traditionen angeknüpft, z.B. durch die Widerbelebung alter Mythen. In populären Dramen und Theaterstücken bieten sich Partizipationsmöglichkeiten, die eigenen Gefühle auszudrücken. Interreligiöse Dialoge werden organisiert, bei denen allein die Anwesenheit der Geistlichen bereits eine enorme symbolische Ausstrahlungskraft besitzt ("Religious leaders must be the first to be educated for peace"). Auch politische Entscheidungsträger werden miteinbezogen. Aus diesen gelungenen Modellstudien, die an anderen Stellen genauer beschrieben sind, ergeben sich wiederkehrende Elemente, die zur Bildung einer Kultur der Gewaltüberwindung erforderlich sind: 1. Gemeinschaftsbildung Gewalt bedeutet immer die Zerstörung von Beziehungen und die Verhinderung von heilsamer Gemeinschaft. Deshalb ist ein Grundmerkmal aller Gewaltüberwindung der Aufbau von Beziehungen und die Vernetzung zwischen Beziehungseinheiten, mit dem Ziel der Gemeinschaftsbildung. Zentrales Moment solcher Beziehungsbildung ist die Versöhnung, bei bleibender Verschiedenheit. Gemeinschaft lebt von der Unterscheidbarkeit der an ihr Beteiligten und muss Uniformitätsforderungen zurückweisen (vgl. die Geschichte vom Turmbau zu Babel). Gerade in der Ökumene haben wir das im Laufe der Jahrzehnte gelernt. Nicht zuletzt durch den Einfluss der orthodoxen Traditionen ist der lange verschüttete Begriff der "Koinonia" diesbezüglich wieder neu eingeführt und fruchtbar gemacht geworden. Die Grundform dieses Gemeinschaftsverständnisses ist im trinitarischen Bekenntnis gegeben. Die gegenseitige Personwerdung in ihrer Würde und Spezifizität konstituiert sich erst in der Gemeinschaft mit anderen Personen. Aufgabe ist es, solch zentrale Sätze des Glaubens und der Theologie auch der Beschreibung der Lebensgestaltung und des Zeugnisses der Kirche und der Gemeinschaft der Kirchen zugrunde zu legen. Darüber hinaus ist der Blick über die Grenzen der Kirche hinweg zu richten. Wenn unser Reden vom Wesen Gottes vorrangig durch das Wortfeld von Relation und Gemeinschaft geleitet ist und dies dann auch dem Wesen der Kirche zugrundegelegt werden soll, dann sind die Bemühungen der Gemeinschaftsbildung zentral für das Handeln der Kirche - auch gegenüber anderen. Mission heißt dann vor allem und zuerst: Beziehungen bilden zwischen bleibend Unterschiedenen in gegenseitigem Respekt. Als ich vor einigen Wochen in Tanzania war, hörte ich von muslimischen Vertretern, dass sie seit neuestem ein landsesweites christlich-muslimisches Komitee eingerichtet haben. "Wir wollen nicht warten, bis es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt wie in anderen afrikanischen Staaten. Wir müssen jetzt in friedlichen Zeiten anfangen." - Dazu braucht es Mut und die Bereitschaft, sich vor allem den kritischen Anfragen aus der eigenen Gemeinschaft zu stellen. 2. Identitätsbildung (in Korrelation mit 1.) Identitätsbildung und Selbstvergewisserung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine Kultur der Gewaltfreiheit. Wenn Identitäten in Gefahr sind, zweifelhaft erscheinen oder gewaltsam unterdrückt werden, dann führt das in einen Gewaltzirkel. Dieses Phänomen lässt sich deutlich auf dem Balkan studieren, aber auch in dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Wie kommt es, dass in anderen Teilen der Welt unterschiedliche Bevölkerungen friedlich miteinander leben, gemeinsame Interessen auch gemeinsam verfolgen, trotz unterschiedlicher Identität. Eine Grundvoraussetzung ist die Sicherung der Identität und eine klare Absage an alle Versuche, anderen eine fremde Identität überstülpen zu wollen. Aber wodurch ist Identität gesichert? Z.B. durch das Recht auf eine eigene Geschichte. Eine Indigena aus Peru berichtete davon: "Wenn man uns nicht erlaubt unsere eigene Geschichte zu erzählen, damit wir uns unserer Wurzeln vergewissern können, dann sind wir niemand. Durch das Erzählen der eigenen Geschichte können wir uns auch von der Kolonisation unserer Mentalitäten befreien. Das ist notwendig, um uns nicht einfach in unser Schicksal zu fügen als Menschen minderen Ranges behandeln zu lassen. Ohne eigene Geschichte haben wir keine Selbstachtung und gehen respektlos mit uns selbst um." Identität führt auch dazu, sich in politischen Auseinandersetzungen für Gerechtigkeit einzusetzen. - Auch in den sieben Städten spielt diese Entwicklung der Selbstachtung aufgrund von wiederentdeckter und von anderen zugestandener Identität eine entscheidende Rolle, weil Betroffene (Gewalttäter und Opfer) wieder zu konstruktiv Handelnden werden. 3. Präsenz Die Initialzündung des Gewaltüberwindungsprogramms in der Stadt Boston (Ten-Point-Coalition) war die Erfahrung einer Kirchengemeinde, dass alles kirchliche Leben letztlich ohne Wirkung für die sie umgebenden Gewaltzirkel bleibt, wenn die Gemeinde nicht wirklich präsent ist, d.h. sich nicht die Kontexte hinein begibt, die von Gewaltzirkeln bestimmt sind. Von einem Drogendealer lernten die Gemeindeglieder die einfache und doch entscheidende Weisheit: nur wer präsent ist, kann auch Einfluss üben. So verließen sie also zunächst die gesicherten Räume der Kirche und gingen zu den Menschen auf der Straße. Es begann eine Bewegung, die inzwischen tatsächlich Gewalt reduziert hat, Menschenleben gerettet hat. Die entscheidende Bewegung Gottes mit seiner Schöpfung findet im christlichen Glauben ihren sichtbaren Ausdruck in der Inkarnation. Gott wird Mensch, bleibt nicht distanziert, erhaben und unpersönlich, sondern Er inkarniert sich und begibt sich somit in die "sündige Welt", um sie zu heiligen, um sie zu retten. Das Reflektieren über diese "Initialzündung", das erneute Nachdenken über die Bewegung der Inkarnation kann zu einem starken Impuls werden für die Lebensgestaltung kirchlicher Gemeinden. Für die ökumenische Bewegung und die Gemeinschaft der Kirchen des Ökumenischen Rates im Besonderen ist das christologische Bekenntnis ja die gemeinsame Basis des Redens von Gottes Gegenwart schlechthin. Welche Potenziale können zum Ziele der Gewaltüberwindung freigelegt werden, wenn dies als zentrale missionarische Bewegung der Kirchen begriffen wird, über ihre Grenzen hinauszugehen und sich in den jeweiligen Gewalt-Kontexten zu inkarnieren? Das bedeutet: dort hinzugehen, wo die Gewalt herrscht: in einer Stadt, in einem Land, in Familien, in Asylbewerberheimen. Christian Peacemaker Teams und Zivile Friedensdienste haben hier bereits wichtige Pionierarbeit geleistet. Für die Kirche kann es in dieser Frage keine Neutralität im Sinne eines distanzierten Heraushaltens geben. 4. Räume öffnen Die Erfahrungen in den sieben Städten haben deutlich gemacht, dass zur Unterbrechung von Gewaltzirkeln die Öffnung von Räumen notwendig ist. Das ist zunächst ganz konkret gemeint: Räume im Sinne von geschützten Orten, in denen sich Gemeinschaftsbildung ereignen kann, die der Gefahr eines erneuten Verfalls in die altbekannten Verhaltensmuster auszuschließen hilft. Kirchengemeinden können solche "Heiligtümer" werden. Darüber hinaus ist "Raum schaffen" auch im metaphorischen Sinne zu verstehen: zur Überwindung von Gewalt ist die Schaffung eines geschützten Raumes nötig, in dem Wahrheit zutage treten kann, ohne Angst vor erneuter Verletzung; Räume, in denen ans Licht kommen kann, was an Ungerechtigkeit geschieht, wo geklagt, getrauert, geweint werden kann. Ohne solche Räume kann es keine Aufarbeitung geben, ohne Aufarbeitung aber auch keine Schritte auf dem Weg der Versöhnung. - Verschiedene Wahrheitskommissionen (in Guatemala, Südafrika, u.a.m.) haben das eindrücklich gezeigt, auch wenn hier sicherlich eine differenzierte Betrachtung nötig ist. Die Dekade ist in einigen Diskussionen bereits als "ökumenischer Raum" beschrieben worden. Diese Metapher bietet sich an, um bei der Beschreibung des Vorhabens den Prozesscharakter zu verdeutlichen, der jederzeit die Freiheit zu Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten von verschiedenen darin Partizipierenden bietet. Andererseits ist damit aber auch gesagt, dass sich dies deshalb nicht konturlos oder gar willkürlich ereignen soll. Ein ökumenischer Raum, der Sicherheit bietet, weil er auf eine Gemeinschaft gründet, die auf Dauer angelegt ist, wird auch einen gemeinsamen Grund brauchen. Die Gleichzeitigkeit von Geborgenheit und Entfaltungsmöglichkeit ist eine Voraussetzung für eine Kultur der Gewaltlosigkeit. In der metaphorischen Rede von der Geisterfahrung eröffnet sich eine Möglichkeit, das in der Sprache des Glaubens auszudrücken und sich so zu vergewissern, dass nicht wir diesen Raum schaffen, sondern dass dieser Raum vom Geist des Lebens gegeben ist. Unsere Verantwortung besteht darin, dies in den Räumen der Kirche spürbar werden zu lassen. 5. Gerechtigkeit als notwendige Voraussetzung der Versöhnung Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben - so haben wir es im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung immer wieder betont. Aber es bleiben die Fragen, ob Gerechtigkeit zur Bedingung gemacht werden kann für gewaltfreies Handeln. Gilt denn nicht auch umgekehrt: Ohne Frieden keine Gerechtigkeit? Ich meine, dass wir unsere Vorstelllungen von Gerechtigkeit noch weiter entwickeln müssen. Sicherlich sind auf diesem Gebiet enorme Fortschritte erzielt worden. Das internationale Recht entwickelt sich allmählich, so dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermorde und Kriegsverbrechen inzwischen vor internationalen Tribunalen verhandelt werden können. Das trägt sicherlich zur Überwindung von Gewalt bei, denn hier werden - zumindest exemplarisch - die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Für die Opfer ist das keine Wiedergutmachung, aber hierin steckt vor allem eine starke symbolische Kraft. Und diese Kraft kann verhindern, in den Gefühlen der Rache zu ersticken und womöglich erneut Gewalt auszuüben, wo immer sich dazu eine Möglichkeit bietet. Allerdings folgt dieses juristische Mittel immer noch dem Motiv der Strafe als Abschreckung. Das machte der Sprecher für das UN-Tribunal in Ruanda (Kingsley) vor kurzem auf einer ökumenischen Tagung deutlich. Heilung und Versöhnung sind dadurch noch nicht automatisch initiiert. Um traumatisierte Bevölkerungsgruppen zu einer Kultur der Gewaltfreiheit zu bewegen, braucht es eine restaurative Form der Gerechtigkeit. In Ländern wie Mozambique, in denen im Laufe der Jahre fast jede/r auch zum Täter geworden ist, kann es nicht um Strafe gehen, sondern um die Wiedereingliederung aller Beteiligten in einen gemeinsamen sozialen Bezugsrahmen. - In vielen Urvölkern finden sich dazu bestimmte Reinigungsrituale, die die Würde eines Täters wieder herstellen, um ihm seinen verlorenen Platz in der Gemeinschaft wieder zu gewähren. Die Heilung der Erinnerungen ist dazu notwendig, die natürlich nicht auf Kosten des Opfers gehen darf. In manchen Gegenden der Welt haben Kirchengemeinden diese Aufgabe des Heilens übernommen. - Gerechtigkeit und Frieden dürfen nicht subordiniert werden, sondern sie müssen sich "küssen" (Ps 85), wenn es zu echten Versöhnungsprozessen kommen soll. 6. Die andere Perspektive In einem Gespräch mit VertretrInnen verschiedener Organisationen und Friedensinitiativen über die Idee der Dekade zur Überwindung von Gewalt in Mannheim (einer mittelgroßen deutschen Arbeiterstadt), zeigte sich, dass es bereits ein gut vernetztes Engagement gibt von Frauenhaus, Jugendamt, Kinderarbeit, Polizei und Schulen. Kirchen waren bisher nicht Teil dieses Beziehungsgeflechtes. Was ist das Genuine, das ein Engagement der Kirchen in diesem Netzwerk mitbrächte? - Am Ende dieser ersten Begegnung kristallisierte sich heraus, dass - neben der Bereitstellung von meist leeren Räumen - durch die Kirche vor allem eine tragfähige Vision in das Netzwerk Einzug halten könnte. Die sich engagierenden Menschen werden oft müde in ihrer täglichen Konfrontation mit Gewalt und der manchmal verzweifelten Suche nach Unterbrechung von Gewaltzirkeln. Die Hoffnung und das Ziel – von Visionen ganz zu schweigen – gehen auf diesem beschwerlichen Weg zwischen Sachzwängen und Verweigerungshaltungen leicht verloren. Die christliche Rede und die Vision vom Reich Gottes bieten sich an, im Blick auf die Gewaltüberwindung neu buchstabiert zu werden. Sie ist die Denkfigur, in der bereits Angebrochenes und Zukünftiges vergegenwärtigt wird. In ihr liegt die tiefe Hoffnung begründet, dass Gewalt tatsächlich überwunden werden kann, weil dies Teil der Realität ist, die mit Jesus Christus in die gewaltvolle Welt kam. Das verändert den Blick auf die vorfindliche Welt. Und diese veränderte Perspektive ist es, die zur Motivation der Gewaltüberwindung führt, die mutige Schritte gehen lässt, gegen den Anschein der Unmöglichkeiten, die neue Interpretationen der eigenen Erfahrung eröffnet. Das Bewusstsein von der geschenkten Teilhabe an diesem Reich Gottes kann zugleich Trost und Stärkung sein. Übrigens: in der Denkfigur der Antizipation des Reiches Gottes liegt m.E. erst die Legitimation für den anspruchsvollen Titel der Dekade zur Überwindung von Gewalt. (vgl. Röm 12:21 "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem"). IV. Ausblick: Wie realistisch ist dieses Vorhaben? Wie realistisch ist das alles? Ich wäre weit aus skeptischer, wenn ich in der weltweiten Ökumene nicht diese zahlreichen Beispiele sehen würde, in denen Gewalt überwunden wird. Die ökumenische Dekade will diese Möglichkeiten sichtbar machen. Sie kann uns als Plattform dienen, solche Initiativen zu vernetzen, um sie zu stärken, um dem Willen zur Gewaltfreiheit Raum zur Entfaltung verschaffen. Gerade in der globalisierten Wirklichkeit, die mehr und mehr unsere Wahrnehmungen bestimmt, kann Solidarität untereinander die notwendige Stärke erzeugen, nicht nachzulassen in diesem gemeinsamen Bemühen. Noch einmal zu Afghanistan. Machen wir uns nichts vor, es gibt Menschen und Regierungen, mit denen man nicht verhandeln kann. Wir kennen das aus der europäischen Geschichte nur zu gut. Wie hat sich das verändert? Durch Einbindung in eine Staatengemeinschaft bei gleichzeitiger Identitätswahrung, durch freie Begegnungsmöglichkeiten (Präsenz), die von der Politik nicht behindert, sondern gefördert wurden (Räume öffnen), auch durch eine verbindende gemeinsame Vision. Warum soll das in der Region in und um Afghanistan nicht möglich sein? Das setzt allerdings voraus, dass der internationalen Staatengemeinschaft dieses Land nicht egal ist, nicht seinem Schicksal überlassen bleibt und dass Regierungen wie die Taliban nicht akzeptiert werden, was zunächst einmal bedeuten kann diese auch nicht mit Waffen zu beliefern. Ich bin nicht überzeugt, dass wir all unsere wirtschaftlichen, politischen, juristischen und humanitären Mittel ausgeschöpft haben, um für Gerechtigkeit in Afghanistan zu sorgen. Und ich bin froh, dass der Ökumenische Rat der Kirchen keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er das militärische Eingreifen als ungeeignetes Mittel ablehnt. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Sklaverei einmal überwunden werden könnte. Aber dann protestierten mutige Christen dagegen. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Rassentrennung überwunden werden könnte. Aber dann gingen Christen auf die Strassen. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen in Indien gestoppt werden könnte. Aber dann fing ein kleiner Mann namens Ghandi an zu marschieren. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Apartheidregime überwunden werden könnten. Aber dann solidarisierten sich Christen auf der ganzen Welt miteinander. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Trennung Deutschlands überwunden werden könnte. Aber dann fingen Christen an zu beten und gewaltfrei zu demonstrieren. Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass Gewalt überwunden werden könnte, aber dann schrieben Eltern, deren Sohn Greg bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center umgekommen war, diesen Brief an President Bush - ein paar Tage nach dem Anschlag. (Ausschnitt) Wir erfahren genug aus den Nachrichten um zu verstehen, dass unsere Regierung Überlegungen für eine gewaltsame Racheaktion anstellt, was bedeutet, dass wiederum Söhne, Töchter, Eltern, Freunde in einem weit entfernten Land sterben, leiden werden und der Hass gegen uns weiter genährt wird. - Dies ist nicht der Weg. Das wird den Tod unseres Sohnes nicht rächen. (Tut das) nicht im Namen unseres Sohnes. Unser Sohn starb als Opfer einer unmenschlichen Ideologie. Unsere Handlungen sollten nicht dem gleichen Muster folgen. Lasst uns trauern. Lasst uns nachdenken und beten. Lasst uns über eine vernünftige Reaktion nachdenken, die wirklichen Frieden und Gerechtigkeit für unsere Welt bringen könnte. Aber lasst uns nicht als eine Nation zur Unmenschlichkeit dieser Tage beitragen. Wird es einmal eine Zeit geben, da Christen auch den schlimmsten Terroristen gegenüber das Völkerrecht und die Menschenrechte achten werden? Eine Zeit, in der sie die Anschläge aufs schärfste verurteilen und diese auch klar als Feinde identifizieren, aber sich nicht hinreißen lassen, selbst dem Geist und der Logik der Gewalt zu folgen? Wird es eine Zeit geben, in der sie auf diese Weise ein Zeugnis ihres Glaubens geben, ihres Glaubens an den Gott, den sie den Gnädigen und Gerechten nennen und so die Gewaltspirale durchbrechen, weil ihr Zeugnis der Welt plötzlich glaub-würdig erscheint? Ich bin sicher: Wir werden staunen über die Erfahrungen, die wir im Laufe der Dekade noch machen werden.
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