ÖRKÖ-Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)
Dokument/Titel:
GERECHTIGKEIT IN EINER GLOBALISIERTEN WELT 
Vortrag von Dr. Philip A. Potter, früherer Generalsekretär des Weltkirchenrats,
anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien am 30. Oktober 2001

Liebe Freundinnen und Freunde!

Für unsere heutigen Überlegungen habe ich das Thema "Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt" gewählt, weil es mehr als fünfzig Jahre lang das Leitmotiv meines Lebens war. Natürlich kannte ich die verschiedenen Begriffe für Gerechtigkeit und ich meinte auch zu wissen, was sie bedeuten, denn nach meinem Abitur arbeitete ich bei einem Rechtsanwalt und später als Assistent beim "Staatsanwalt". Als ich dann aber vom Jurastudium zur Theologie wechselte und hebräisch lernte, wurde mir klar, dass das Wort "Gerechtigkeit" den eigentlichen Sinn des Wortes "Sedeq" oder "Sedaqah" nicht wirklich wiedergab, denn "Sedeq" bedeutet, in "gerechten Beziehungen" zu leben — mit Gott, mit den Menschen und auch mit der Schöpfung. Das Herzstück unseres biblischen Glaubens ist die Frage unserer Beziehungen? Wie können wir wirklich mit Gott, unseren Mitmenschen und der Schöpfung verbunden sein und wie werden gerechte Beziehungen gepflegt und aufrechterhalten?

(Neben meiner Arbeit als Studiensekretär der Christlichen Studentenbewegung in Jamaica war ich damals auch Sekretär der jamaicanischen Jugendbewegung, deren Zweck und Ziel es war, junge Frauen und Männer für den Kampf für Gerechtigkeit und politisches Engagement zu motivieren. Diese Überzeugung und diese Anliegen ließen mich auch nicht los, als ich meine Studien in Großbritannien fortsetzte und in der dortigen Christlichen Studentenbewegung und im Christlichen Studentenweltbund mitarbeitete. Wir beschäftigten uns viel mit Bibelarbeiten, engagierten uns aber auch im sozialen und politischen Umfeld. Unser Lieblingssatz damals bis heute war und ist: "Wir müssen die Bibel in der einen Hand und die Zeitung in der anderen Hand halten". Das Wort und die Wirklichkeit Gottes müssen im Zusammenhang stehen mit den Worten und der Wirklichkeit unserer Existenz, denn Wort und Wirklichkeit Gottes haben etwas mit den Realitäten unserer Beziehungen in und mit der Welt und den in ihr lebenden Menschen zu tun und müssen zu ihnen sprechen.)

In Gerhard Rads "Theologie des Alten Testamentes" gibt es eine klassische Erklärung zu "Sedeq, Sedaqah", die ich oft zitiere: "Es gibt im Alten Testament keinen Begriff, der von so zentraler Bedeutung für schlechthin alle Lebensbeziehungen des Menschen ist, wie den der Sedaqah. Er ist der Maßstab nicht nur für das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch für das Verhältnis der Menschen untereinander bis hin zur belanglosesten Streiterei, ja auch für das Verhältnis des Menschen zu den Tieren und zu seiner naturhaften Umwelt. Sedaqah kann man ohne weiteres als den höchsten Lebenswert bezeichnen, als das, worauf alles Leben, wenn es in Ordnung ist, gründet." (Band 1, 5. 368). Die Entdeckung der biblischen Wurzeln der Gerechtigkeit war ein Leitmotiv für die Ökumenische Bewegung von ihren Anfängen an. Der biblische Begriff von Gerechtigkeit wurde insbesondere zum Paradigma für die ökumenische Sozialethik. Bereits das Konzept der "verantwortlichen Gesellschaft" in den Jahren vor und nach der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 wurde davon geleitet. Und dies gilt erst recht für das nachfolgende Konzept einer "gerechten, partizipatorischen und zukunftsfähigen Gesellschaft", das in den siebziger Jahren im Kontext der Herausforderungen der Entwicklungspolitik entstand. Schließlich wurde das Thema Gerechtigkeit zur Leitfrage des Konziliaren Prozesses und zum Ausgangspunkt für Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

Die Vision einer gerechteren Welt hat die ökumenische Bewegung in ihren verschiedenen Epochen beflügelt und heute stellt sich die Frage, was diese Vision angesichts der Globalisierung bedeutet? Wie sehen die neuen Herausforderungen und Aufgaben aus, die durch das Thema Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt gestellt sind?

Um dies beantworten zu können, müssen wir genau analysieren, was neu ist an der Globalisierung. Mit "Globalisierung" wird die gegenwärtige Entwicklungsphase des Weltwirtschaftssystems umschrieben, eines Systems, dessen Anfänge fünf Jahrhunderte zurückreichen. Es handelt sich um eine hierarchische Konstruktion, in der die Zentren immer wichtiger sind als die Peripherien. Es ist deshalb ein in sich ungerechtes System, weil die Interessen des Zentrums im Allgemeinen immer Vorrang haben vor den Bedürfnissen der Randzonen.

Unter "Globalisierung" versteht man die Integration der Märkte in das Weltwirtschaftssystem, womit sie dem Modell (Paradigma) der Integration der Finanzmärkte folgt. Die meisten Märkte sind inzwischen integriert. Es gibt jedoch einen ganz wichtigen Markt, der nicht integriert wurde und das ist der Arbeitsmarkt, auf dem es beträchtliche Unterschiede gibt zwischen den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in den verschiedenen Weltregionen, die in vergleichbaren Produktionsprozessen beschäftigt sind.

"Globalisierung" hat sich auf der Basis wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte im Bereich der Informatik und Kommunikation entwickelt. Marshall McLuhan hat vor einigen Jahrzehnten das Konzept geprägt, wir lebten inzwischen in einem "globalen Dorf". Das stimmt, und doch muss festgestellt werden, dass viele Menschen es sich nicht leisten können, in der gegenwärtigen "globalen Stadt" mitzumischen. Es ist denkbar, dass der zu beobachtende Prozess im Bereich der Informatik-Industrie dazu führen wird, dass die Grenzen dieses "globalen Dorfes" sich verschieben und wir irgendwann alle davon profitieren. In der Zwischenzeit können wir jedoch diese ungerechte Unterscheidung zwischen denen, die sich in den diversen Netzwerken unserer Welt tummeln können und denen, die davon ausgeschlossen bleiben, nicht außer acht lassen.

Der Prozess der "Globalisierung" hat sich hauptsächlich an der herrschenden Ideologie des wirtschaftlichen Neoliberalismus orientiert, die inzwischen von immer mehr Menschen in Frage gestellt wird. Dieser Neoliberalismus, der behauptet, die "freien Märkte" seien wirkungsvoller als jedes andere von Menschen geschaffene Instrument zur Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme, hat sich mit seinen Sichtweisen in den letzten zehn Jahren durchgesetzt. Inzwischen wird der Slogan "mehr Märkte, weniger Staat" aber wieder fallengelassen. Während der letzten eineinhalb Jahre und in steigendem Maße während der letzten Wochen nach den dramatischen Ereignissen durch die terroristischen Anschläge in den USA, gewinnt der Staat wieder zunehmend an Bedeutung. Es ist jedoch noch keineswegs klar, welche Art von Staat in der Zukunft geschaffen werden wird. Dies ist eine der größten Herausforderungen, die vor uns liegen.

Die neoliberale Ideologie bekräftigt immer wieder, dass nur ein Weg in eine bessere Zukunft führen könne, und zwar der, der zur Schaffung freier Märkte führe. Diesem Weg muss man sich anpassen ( siehe die besonderen Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds, oder die von der Welthandelsorganisation diskutierten verschiedenen Typen von Handelsvereinbarungen usw.) Wer diesen Weg verfolgt, wird Erfolg haben. Die anderen werden Mangel erleben und nur schwer überleben können. Das bedeutet: es gibt jene, die "drin" sind und die anderen die "draußen" stehen. Hier müssen wir wirklich das Phänomen des Ausgeschlossenseins erkennen, von dem Frauen und Männer im Süden wie im Norden in so schmerzlicher Weise betroffen sind, die Menschen im Süden allerdings noch ungleich viel stärker.

In dieser "globalisierten Welt" schaffen Menschen Netzwerke unterschiedlichster Art: wirtschaftliche, politische, religiöse, kulturelle, usw. Einige dieser Zusammenschlüsse bestätigen den Trend der neoliberalen Ideologie. Andere versuchen, Elemente einer Neuorientierung des Globalisierungsprozesses einzuführen. Das heißt, manche Leute haben nichts dagegen und tragen sogar dazu bei, die dem Weltwirtschaftssystem innewohnende Ungerechtigkeit zu konsolidieren, während andere Gerechtigkeit schaffen wollen. Der französische Philosoph Paul Ricoeur schrieb, die Suche nach Gerechtigkeit beginne und geschehe dann, wenn wir unerträgliche, nicht unterstützenswürdige und nicht annehmbare Ungerechtigkeit erfahren. Diese Art von Erfahrung bringt Frauen und Männer in dieser einen Welt dazu, nach Gerechtigkeit zu suchen, um die Ungleichheiten verringern zu helfen.

Der Weg zur Gerechtigkeit

Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, sucht nach Sinn in einer Welt, die für Menschen, die Ungerechtigkeit erfahren, ihren Sinn verloren hat. Es gibt unzählige Menschen auf unserem Planeten, die das Gefühl nicht los werden, mit so unmenschlichen Erfahrungen konfrontiert zu sein, dass es sich kaum lohnt zu leben. Wie aber sollen wir Gerechtigkeit suchen? Hier kommen wir nur weiter, indem wir das, was die Bibel uns sagt, auf die Wirtschaft und unsere sozio- politische Lebenswirklichkeit anwenden.

Die ökumenische Bewegung hat schon früh den Entschluss gefasst, sich mit den sozio-politischen Realitäten aus biblischer Sicht auseinanderzusetzen. Das Thema der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam lautete: "Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan". Diese Thema war deshalb gewählt worden, um die Bedeutung von Gottes Haushalterschaft für unsere Welt herauszustellen. Es gründete auf dem Brief des Paulus an die Epheser, wo es im ersten Kapitel in den Versen 9-10 heißt: "Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist."

Der Ausdruck "Gottes Heilsplan" ist eine Übersetzung des griechischen Wortes oikonomia, was von oikos (Haus) und nomia von nemo (handhaben, verwalten) abgeleitet ist, aber auch von den Begriffen weiden lassen, grasen und die Herde füttern. Hier ist die Leitung, die Verwaltung, (der Dienst ) die Sorge um das Haus gemeint. Das Wort oikos hat eine vielfältige Bedeutung in der Bibel, es weist auf den Bund des Volkes Israel hin, aber auch darauf wie die Menschen in den meisten Kulturen innerhalb ihrer Umwelt, ihres Ökosystems zusammenleben, sei es in einem Haushalt oder in anderen Gemeinschaften bis hin zur ganzen bewohnten Erde.

Die Verfasser des Neuen Testamentes benutzten das Wort oikonomia und das ihm verwandte oikonomos (Wirtschafter, Haushalter) nur sparsam aber wirkungsvoll. Es war ein gängiger Begriff im gesprochenen Griechisch und in der Handelsprache des ersten Jahrhunderts. Aristoteles hat die Begriffe sehr viel gebraucht in seinem Politikverständnis, denn für ihn war der politische Bereich der eigentliche Ort, wo die Verwaltung (die oikonomia) für die polis (Stadt oder Stadtstaat) geschah. Er sagt: "Eine polis besteht aus Zusammenschlüssen von Familien und Dörfern, die vollkommen unabhängig existieren; und eine solche Existenz bedeutet unserem Verständnis nach ein Leben wirklichen Glücks und wirklicher Güte." (Buch III, Kap. IX, 14). Die oikonomia der Stadt ist der Weg zur Erlangung "wahren Glücks und wahrer Güte".

Es überrascht deshalb nicht, dass der Verfasser des enzyklischen Briefes an die Kirchen in der reichen römischen Provinz Kleinasiens, einschließlich von Ephesus, Gottes Offenbarung wahrnimmt, und zwar im sprechenden, befreienden und versöhnenden Wirken des Heilshandelns Gottes mit dem Hause Israel, in unvergleichlicher Weise aber in Christus, dem Haushalter Gottes, der dann, wenn die entsprechende Zeit (der kairos) erfüllt ist, alle Völker und alle Geschöpfe in Christus, dem Haupt der Kirche und in der Fülle des Einen, der alles in allem wirkt, vereint. Der gesamte Brief ist ein Ausdruck der kosmischen und eschatologischen Bedeutung all dessen, was der menschgewordene, gekreuzigte und auferstandene Christus in die durcheinander geratene Schöpfung gebracht hat, um allen Menschen durch ein verantwortliches Haushalten das anzubieten, was Aristoteles "wahres Glück und wirkliche Güte" genannt hat.

Im zweiten Kapitel des Epheserbriefes in den Versen 11-21 spricht Paulus von der in Juden und Heiden aufgeteilten Welt. Er spricht davon, wie Christus durch seinen Tod und seine aufopfernde Liebe am Kreuz einer gespaltenen Menschheit Frieden und Versöhnung gebracht hat und die Trennmauern der Feindschaft zwischen Menschen und Völkern, die in unterschiedlichen Wirtschaftssystemen lebten, niedergerissen hat. Paulus kann auf Grund dieses befreienden Handelns Christi am Kreuz seinen Leserinnen und Lesern, wie auch uns zusprechen: " So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Das Wort "Haushalt" (oikeios) — meint hier jemanden, der zum Haus, zur Familie Gottes gehört und mit anderen das Leben Gottes in Christus teilt, wozu auch das wirtschaftliche Wohlergehen gehört. Paulus spricht vom Haushalt Gottes und beschreibt damit die Kirche, die er an anderer Stelle in seinem Brief "den Leib Christi nennt, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt" — und auch hier ist das wirtschaftliche Wohlergehen mitgemeint. Paulus sagt, die Kirche, der Haushalt Gottes, der Leib Christi, ist der Raum, in dem Gottes Ökonomie wirksam werden sollte als ein prophetisches Zeugnis für die Weltwirtschaft.

Paulus benutzt das Wort oikonomia auch noch in einem anderen Kapitel seines Epheserbriefes. Im dritten Kapitel, in den Versen 2,9 und 10 schreibt er, Gott habe ihm das Amt aufgetragen der Kirche die Gnade Gottes zu verkündigen, denn Gottes Wirken ist Gnade. Gottes aufopfernde Liebe ist uns in Christus offenbar geworden. Paulus geht aber noch weiter. Ihm sei die Aufgabe gegeben worden, "für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles erschaffen hat; damit jetzt kund werde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde." Dies bedeutet nichts anderes als dass die Kirche die Aufgabe hat, wie die hebräischen Propheten vor ihr, allen unterdrückerischen und dominierenden Mächten in unserer Welt von der Haushalterschaft Gottes in Christus zu erzählen. Sie muss Mächte wie die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung beim Namen nennen und alles aufführen, was die Gnade Gottes leugnet, Gottes Schöpfung zerstört und Menschen daran hindert, in einer sorgenden und teilenden Gemeinschaft ganz sie selbst zu sein. Am Schluss seines Briefes beschreibt Paulus die Waffen, die Christinnen und Christen tragen sollten, um die Mächte und Gewalten unserer Welt, einschließlich des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, herauszufordern. Die Waffen Gottes für engagierte Gläubige heißen Wahrheit und Gerechtigkeit, Frieden, Glaube und Treue, Heil und Befreiung. Wir sollen mit dem Evangelium und immer im Geist des Gebetes und des Flehens vor Gott leben, um vor der Welt und ihren wirtschaftlichen und politischen Strukturen Zeugnis abzulegen von Gottes oikonomia.

Gottes Ökonomie bedeutet, dass Gerechtigkeit und Frieden bei den Menschen wohnen sollen und die Schöpfung umsorgt und bewahrt wird, damit alle ihren Nutzen daraus ziehen können. Aus diesem Grund gebrauchen wir auch das Wort oikoumene, um die ökumenische Bewegung zu beschreiben, mit deren Hilfe die Kirchen Gottes haushalterisches Wirken in unserer Welt bekannt machen.

Lassen Sie mich schließen mit den letzten Versen aus dem 85. Psalm.

"Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserem Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der Herr Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm hergehe und seinen Schritten folge."


© 2002 - Eine Information des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich
Mail an die WebRedaktion